„Je mehr ich von dir will, desto stärker ziehst du dich zurück!“

„Je mehr ich von dir will, desto stärker ziehst du dich zurück!“

Die sogenannte Rückzugs-/Forderungsdynamik beschreibt ein typisches Interaktionsmuster in Paarbeziehungen: Während ein Partner in konfliktreichen oder stressbeladenen Situationen aktiv auf Nähe, Kommunikation oder Veränderung drängt („Forderer“), zieht sich der andere tendenziell aus Gesprächen zurück oder distanziert sich emotional. Dieses Muster ist nicht nur verhältnismäßig häufig anzutreffen, sondern oft auch Anlass für Beziehungsfrust und Konflikteskalation.

Vordergründig wird die Rückzugs-Forderungsdynamik schnell als reines Kommunikationsproblem wahrgenommen, bei genauerem Hinsehen verbergen sich dahinter oftmals tiefsitzende psychologische und entwicklungsbezogene Faktoren.

Welchen Bindungsstil habe ich frühkindlich entwickelt?

Bindungstheoretisch betrachtet tendieren Menschen mit einem ängstlich-ambivalenten Bindungsstil eher dazu, Nähe und Sicherheit einzufordern, die sie sich bspw. durch Gespräche und enges Beisammensein erhoffen. Menschen mit einem eher vermeidenden Bindungsstil neigen hingegen dazu, Konflikte und Stress durch Rückzug und emotionale Distanz zu regulieren. Weil diese Muster nicht nur unbewusst, sondern leider auch sehr stabile, verinnerlichte Strategien sind, die bereits in frühen Bindungserfahrungen angelegt wurden, verfestigen sie sich im weiteren Lebensverlauf stark und mit eigenen Kräften oftmals kaum zu verändern.

Der therapeutische Hebel liegt in der Regulation von Emotionen

In einer Paartherapie wird zunächst geschaut, wie die Regulation von Emotionen funktioniert. Dabei wird unter Emotionen die spontane, automatische und vor allem unbewusste Reaktion auf einen Reiz verstanden.

Bei der Rückzugs-Forderungsdynamik kommen in der Regel unterschiedliche Strategien zur Emotionsregulation zum Einsatz, die sich unglücklicherweise wechselseitig verstärken:

Der „Forderer“ versucht, durch Gespräch, Nähe und aktive Lösungssuche unangenehme Gefühle und innere Anspannung zu reduzieren. Der „Rückzieher“ hingegen erlebt genau das Gegenteil, denn ihm erscheinen gerade diese Nähe und Gespräche als bedrohlich. Deswegen reguliert dieser seine Emotionen und seinen Stress durch Vermeidung und Flucht.

Die Dynamik wird also von beiden Seiten in Gang gesetzt und verstärkt sich wechselseitig. Zwar reduziert das Flucht- und Vermeidungsverhalten kurzfristig die inneren Spannungen des Flüchtenden und „belohnt“ ihn auf diese Weise. Gleichzeitig fühlt sich der Forderer aber nicht gesehen, gehört oder verstanden und intensiviert sein Bemühen mit noch mehr Forderungen, was wiederum das Rückzugsverhalten beim Flüchtenden verstärkt.

Problematisch ist dieses Muster insbesondere dann, wenn es sich zu einer chronischen Konfliktspirale aufbaut und beide Parteien in einen emotionalen Teufelskreis geraten.

Und was hilft, wenn ich in dieser Spirale feststecke?

Machen Sie sich das Muster bewusst.

Wie so oft liegt der erste und wichtigste Schritt darin, das wiederkehrende Verhaltensmuster zu erkennen – nicht als persönliches Versagen, sondern als dynamisches Interaktionsmuster, bei dem beide nur mir 50% beteiligt sind.

Verbessern Sie Ihre Fähigkeit, Ihre Emotionen zu erkennen und Ihr Verhalten zu regulieren.

Paare können lernen, ihre Gefühle und Verhaltensweisen zu erkennen, zu benennen und zu kontrollieren. Hier helfen bspw. Techniken aus der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) oder die Gottman-Methoden.

Fazit

Die Rückzugs-Forderungsdynamik ist ein sehr häufiges und glücklicherweise gut erforschtes Muster in Paarbeziehungen, das oft mehr ist als ein reines Kommunikationsproblem. Es spiegelt emotionale Regulationsstrategien und Bindungsstile wider und entsteht nicht etwa aus Unwillen oder böser Absicht, sondern aus unterschiedlichen psychologischen Bedürfnissen und Bewältigungsstrategien.

Gelingt es Paaren, durch gezielte therapeutische Arbeit zu lernen, dieses Muster zu erkennen und zu durchbrechen, können Sie durchaus eine stabilere Verbindung und ein besseres Miteinander zueinander aufbauen.

Zur Vertiefung

Brisch, Karl-Heinz: Bindungsstörungen. 21. Auflage Klett-Cotta 2025

Gottman, John: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe: Ullstein 2014

Gottman, John: 8 Gespräche, die jedes Paar führen sollte… damit die Liebe lebendig bleibt. 3. Auflage. Ullstein 20224

Johnson, Sue: Halt mich fest: Sieben Gespräche über lebenslange Liebe. 2. überarbeitete Auflage. Junfermann Verlag 2019

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