Lange bevor wir überhaupt eigene Kinder haben, steht dieser Vorsatz schon fest: Bei meinen Kindern mache ich später alles anders! Nur: Kann ich wirklich ganz anders erziehen als ich erzogen wurde? Die Frage, ob und wie frei wir über unseren eigenen Erziehungsstil entscheiden, ist nicht leicht zu beantworten. Warum? Weil uns unsere eigene Normalität nicht vollumfänglich bewusst ist.
Ein Blick in die Wissenschaft macht schnell deutlich, das wir einiges unbewusst und ungewollt von unseren Eltern übernehmen.
- Die Berufsbiografieforschung zeigt, dass Unternehmerkinder sich häufiger selbstständig machen als Angestelltenkinder. Auch das berufliche Aspirationsniveau hängt vom elterlichen Qualifikationsniveau ab.
- Langzeitstudien zeigen: Kinder aus Scheidungsfamilien tragen selbst ein höheres Scheidungsrisiko.
- Kinder übernehmen laut Genderforschung die Geschlechterrollen, die Rollenverteilung und die Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht von ihren Eltern.
- Das Gesundheitsverhalten von Eltern wirkt sich gleich laut mehrerer Studien auf das Gesundheitsverhalten ihrer Kinder aus. Das bezieht sich z.B. auf Ernährung, Bewegung, Sport, Stressmanagement oder Risikoaffinität.
- Kinder von chronisch kranken Eltern übernehmen den Umgang mit Erkrankungen (nicht die Erkrankung selbst!) von diesen.
Selbst dann, wenn wir unsere eigene Erziehung eher erduldet oder vielleicht sogar erlitten haben und ganz gewiss sind, dass wir selber niemals so erziehen wollen, halten wir unbewusst an dem fest, was wir erlernt haben. Wir wiederholen es wie in einer Art Endlosschleife, das bedeutet „wir holen es uns wieder“, weil es uns vertraut ist. Wir wiederholen es selbst dann – glaubt man erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen –, wenn es keinen Erfolg verspricht, sich unangenehm anfühlt oder es unser erklärter Wille ist, davon abzulassen.
Solange uns das Erlernte und Vertraute nicht bewusst ist, können wir es nicht steuern oder verändern. Vor allem dann nicht, wenn wir unter Stress geraten, wie es z.B. in Konflikten der Fall ist. Dann holt uns unsere Vergangenheit oft wieder ein.
Wie aber können wir uns das informell und unbewusst Erlernte bewusst machen? Bspw. indem wir folgende Fragen beantworten:
- Wie wurde in meiner Familie mit Nähe und Distanz umgegangen?
- Wie wurden bei uns Gefühle gehandhabt?
- Wofür, wie und von wem wurde ich bestraft oder gelobt?
- Wie viel Aufmerksamkeit bekamen Kinder in meiner Familie und zu welcher Gelegenheit?
- Haben meine Eltern erwartet, dass ich Anordnungen widerspruchslos befolge?
- Wurden alle Kinder in unserer Familie in gleicher Weise behandelt?
- Welchen Umgang pflegte meine Familie mit Geld oder mit Problemen?
- Hatte ich außer den Eltern noch andere wichtige positive Bezugspersonen?
- Wie war der Umgang mit Nacktheit in unserer Familie?
Die Antworten auf solche Fragen ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen einer jeden Familie. Schnell wird klar, dass wir in vielen Situationen ein ganz eigenes, höchst eigensinniges Normalitätsempfinden mit uns herumtragen.
Wer das an einigen Punkten überwinden will, kann erst einmal tief durchatmen. Denn wichtig dafür ist lediglich, dass wir uns immer wieder Gedanken machen und uns selbst reflektieren. Ist unsere Vorstellung von Erziehung in diesem Moment wirklich gerade am Kind und an der Situation orientiert oder entspricht sie nur dem, was wir selber erlebt und erlernt haben?
Mein Fazit lautet: Wir können andere Eltern werden als unsere Eltern es waren! Nicht unbedingt durch das intensive Studium von Erziehungsratgeber oder in Elternkursen, aber dadurch, dass wir uns mit der inneren Seite unserer eigenen Erziehung beschäftigen.
Zur Vertiefung
- Rolf Arnold hat auf der 6. Kindertagung in Heidelberg einen Vortrag gehalten mit dem Titel „Ich erziehe, wie ich erzogen wurde“. Dieser Vortrag ist als Audio-Book auf CD und DVD erschienen.
- Die meisten Bücher des Psychologen Klaus A. Schneewind beschäftigen sich mit Familienpsychologie und dem informellen Lernen in Familiensystemen.
- Unterhaltsam und wissenschaftlich fundiert ist das Heft Nr. 56 mit dem Titel: „Die Macht der Familie“ aus der Reihe GEO WISSEN (2015).